Dublin 4 von 4

Seit ich meine Irlandreise plante, träumte ich von einem Ort namens Howth, ein kleines Städtchen, unweit Dublins an der Küste gelegen. Ich träumte davon, die letzten Tage meines Urlaubs dort geruhsam zu verbringen. Da ich eigentlich in Dublin schon alles, was ich sehen wollte, gesehen habe – außer Oscar Wilde, der kein Interesse zeigte, mich zu treffen – beschliesse ich, an meinem letzten Tag in der Stadt einen Ausflug nach Howth zu machen, um schon Mal einen Vorgeschmack auf diesen Ort zu bekommen.

Die DART bringt mich vom Stadtzentrum Dublins in das Küstendorf. Bei der DART (Dublin Area Rapid Transit) handelt es sich um ein S-Bahn-ähnliches Nahverkehrssystem, dass die Vororte Dublins mit der Innenstadt verbindet. Als ich in den Zug einsteige, sind die Waggons überfüllt. Leute, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Leute, die von der Arbeit kommen. Leute, die Bekannte besuchen wollen. Als wir die Endhaltestelle Howth erreichen, sind die Waggons des Zuges fast leer. Übrig bleiben einige wenige Leute. Diese sind auch äußerlich leicht erkennbar als Wanderer und Tagesausflügler. Leute, wie ich.

Vom Bahnhof schwärmen wir aus. Ich falle schon bald hinter der Horde der Wanderer zurück. Hatte ich doch versäumt, mir ein Reiseproviant zuzulegen. Das hole ich in einem kleinen Laden nach. Zwei Flaschen Wasser, ein Schokoriegel und zwei in Plastik eingeschweisste belegte Dreieckstoastbrote landen in meinen Rucksack. Natürlich erst, nachdem ich an der Kasse war. In der Zwischenzeit ist die Herde der Ausflügler schon auf der Hauptstraße in Richtung der Klippen unterwegs, um dort einen schönen Spaziergang zu machen. Da wollte ich auch hin, doch lasse ich mir noch etwas Zeit, um den Ort zu erkunden.

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Howth ist eine Stadt östlich von Dublin. Die Einwohnerzahl wird auf zirka 8000 Leute geschätzt. Der Dubliner fährt gerne mal am Wochenende nach Howth. Die Vielzahl an Fischarten an der felsigen Küste macht den Ort auch bei Anglern sehr beliebt. Aber auch Nichtfischfänger profitieren davon. Viele Fischrestaurants laden zum Speisen ein. Kommt allerdings mal eine Sturmflut dazwischen, so wird aus dem Wochenendausflug leicht mal ein verlängertes Wochenende. In der Vergangenheit kam es hin und wieder mal vor, dass die Halbinsel wegen des rauen Seegangs vom Festland abgetrennt war. Vom Hafen aus sieht man Ireland‘s Eye, eine kleine unbewohnte Insel. Boote fahren die Insel an. An Bord sind meist Ornithologen, ist die Insel doch ein Vogelschutzgebiet. Sie bietet hauptsächlich Brutplätze für Trottellumen, Tordalke, Eissturmvögel und Möwen. Auch eine Kormoran-Kolonnie bildete sich hier an und es wurden sogar schon Papageitaucher, die pinguinähnlichen Vögel mit ihren knallorange Schnäbeln, dort gesichtet. Es reizt mich, zur Insel zu fahren, doch wollte ich mir das für meinen späteren Aufenthalt aufsparen. Der wohl berühmteste Einwohner Howths ist der Musiker Barney McKenna, bekannt durch seine Auftritte mit The Chieftains und den Dubliners. Aber ich sollte wohl besser schreiben, dass er der berühmteste Einwohner war. Einige Monate vor meiner Reise verstarb er. Als ich so durch die Straßen schlenderte, fühlte ich mich in Howth wohl. Ich kann mir gut vorstellen, hier einen schönen Abschluss meiner Reise zu erleben.

Nachdem ich den Ort auf mich wirken ließ, folge ich den Spuren der anderen Wanderer. Die Hauptstraße führt mich aus dem Ort hinaus. Ein schmaler Feldweg schlängelt sich durch hohe Grashalme stetig bergauf. Immer näher kommt der Weg den steilen Abgrund, Doch nie so nah, dass man durch eine unüberlegte Bewegung Gefahr liefe hinunterzustürzen. So bleibt dies ein sicherer Wanderweg. Eher ein Spaziergang an einem schönen sonnigen Tag. In der Ferne kann man die Insel erkennen, die Ireland‘s Eye genannt wird. Einige Schiffe sind auf dem Meer unterwegs. Geht der Blick nach unten, sieht man steil in die Tiefe. Felsbrocken ragen aus dem Ozean heraus. Laut tosend treffen Wellen auf das Gestein. An einigen Stellen des Weges wird das Tosen durch das Gekrächze der Vögel übertönt, die auf den Klippen brüten. Auf dem Weg zwänge ich mich an andere Wanderer vorbei. Manche werden überholt, andere kommen entgegen. Manche grüßen, andere nicht. Je nach Alter. Jüngere Leute schweigen, die älteren Wanderer sind freundlicher. In der Ferne sehe ich einen Leuchtturm. Diesen setze ich mir als Ziel. Als ich die Klippen hinter mir habe, beschließe ich, vom Weg abzuweichen und quer über die Wiese zu laufen, um schneller am Leuchtturm zu sein. Hätte ich das nur sein lassen. Plötzlich verliere ich den Boden unter einem Fuß und sinke bis zum Knie in die Erde ein. Ein hinterhältiger Vogel hat mir eine Falle gebaut! Manche Seevögel buddeln Löcher im Boden, um dort ihre Eier geschützt abzulegen. In eines dieser Löcher bin ich getreten. Ohne große Probleme entkomme ich meiner Falle und setze meinen Weg fort, kehre aber von der Wiese wieder auf dem Weg zurück. Bis zum Leuchtturm komme ich trotzdem nicht. Unterwegs verhindert eine Mauer und ein abgesperrtes Tor mein Fortkommen. Bevor ich umdrehe und den gepflasterten Weg landeinwärts folge, lasse ich mich am Wegrand im Grünen nieder, um zu Rasten. Auch von hier aus hat man eine tolle Aussicht auf das Meer und auf die Klippen.

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Eine gepflasterte Straße führt weiter. Doch ebenso wie das Tor eben ein Hindernis war, treffe ich wieder auf etwas, was mein Fortkommen erschwert. In der Ferne sehe ich einen Hund mitten auf der Straße stehen, als würde er den Weg kontrollieren und niemanden an sich vorbei lassen. Große Hunde in einsamen Landstrichen, die so wirken, als müssten sie ein bestimmtes Gebiet bewachen, sind mir immer sehr suspekt. Wenn sie mich anbellen, erschrecke ich. Bellen sie nicht, habe ich Angst, dass sie beissen. Also beschließe ich das direkte Aufeinandertreffen mit dem Vierbeiner zu vermeiden, weiche von der Straße ab und folge einem Feldweg. Dieser geht bogenförmig wieder zurück zu der Straße. Als ich mich auf der Straße umsehe, ist der Hund verschwunden. Wieder geht es hochund steil hinauf, diesmal aber kein Feldweg, sondern eine gepflasterte Straße. Diese bringt mich in einen Nachbarort von Howth. Doch von dort scheint man nur entlang der Autostraße zurück zu kommen. Dafür kann ich mich nicht begeistern und kehre wieder über die Klippen zum Ausgangspunkt meiner Wanderung zurück. Auch auf den Rückweg geniesse ich den atemberaubenden Ausblick. Ich verbringe noch etwas Zeit in Howth. Dann geht es wieder mit dem DART zurück nach Dublin.

Meinen letzten Abend in Irlands Hauptstadt lasse ich etwas ruhiger angehen. Diesmal verschwinde ich nicht im ausschweifenden Nachtleben von Temple Bar, sondern nehme meinen Absacker in einem Pub nördlich der Liffey ein. Außer mir sind nur zwei andere Gäste da: zwei ältere Herren, deren ganze Aufmerksamkeit dem Bier vor ihnen gilt. Nicht mal die Pferderennen, die im Fernseher übertragen werden, können sie von ihrem Getränk ablenken. Ich verfolge diese Pferderennen recht aufmerksam. Vor jeden Rennen wähle ich meinen Favoriten aus. Ich entscheide mich immer für das Pferd, dessen Namen mir am Bestem gefällt und merke schnell, dass ich so nicht reich werde. Als die Rennübertragung beendet ist, trinke ich noch ein Guinness und schwanke dann zu meiner Unterkunft. Zum Glück ist die O‘Connell Street sehr breit und nachts so gut wie leer…

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