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Dublin 3 von 4

Am nächsten Tag bessert sich das Wetter. Deswegen beschließe ich, die Innenstadt Dublins erst einmal zu Fuß zu erkunden, bevor ich mich wieder in den Bus setze. Ich schlendere über die O‘Connell Street, die am frühen Morgen noch sehr leer ist. Während des Tages wird sich das ändern und die Hauptstraße des nördlichen Dublins füllt sich mit Leben und Menschen. So wie ich sie noch von meinem letzten Besuch in Erinnerung hatte. Ich verlasse die Nordstadt und überquere den Fluss Liffey, der beide Stadtteile trennt. Früher musste man mit der Fähre übersetzen, wenn man in den anderen Teil der Stadt wollte. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die erste Brücke über die Liffey gebaut. Sehr zum Leidwesen der Fährleute, deren Existenz nun bedroht war. Damit diese nicht den Hungerstod sterben mussten, wurde ein Zoll für das Überqueren der Brücke verlangt. Dies brachte der Brücke den Beinamen Halfapennybridge ein. Der Zoll verhinderte letztendlich doch nicht, dass die Fährleute ausstarben. Heutzutage kann man die Halfapennybridge, und die zahlreichen anderen Brücken, die ihr folgten und die ebenfalls über die Liffey führen, umsonst überqueren.

Tobte in der Nacht noch der Bär in Temple Bar, so ist dieser Bezirk am Vormittag fast ausgestorben. Bis auf einige wenige herumirrende Touristen, wie ich einer bin, sind die Straßen leer. In den Häusern, aus denen nachts noch fröhliche Klänge ertönten, herrscht eine friedhofsgleiche Stille. Vor den Pubs stehen Männer mit Pinseln. Sie frischen die Farben der Häuserfassaden auf, um die alten Ladys, die nach der anstrengenden Nacht ihren Glanz verloren hatten, für die nächste Nacht, die sicher nicht weniger anstrengend werden wird, wieder aufzupäppeln.

Nach dem Verlassen des ausgestorbenen Temple Bar-Bezirks steuere ich das Trinity College an. Die Universität verfügt nicht nur über ein schönes Gelände, sondern beherbergt auch mit dem Book Of Kells eine der ältesten erhaltenen Handschriften der Welt. Vermutlich ist dieses Buch im 8. Jahrhundert im Kloster Iona in Schottland entstanden und wurde nach Irland gebracht, um es vor den häufigen Wikingerüberfällen zu schützen. Es enthält die vier Evangelien und ist aufwendig mit Tiermotiven und Flechtwerkmustern verziert. Natürlich ist das Buch nicht frei zugänglich. Es befindet sich in einer Glasvitrine. Täglich wird es von einem Bibliotheksmitarbeiter mit Samthandschuhen umgeblättert, damit man jeden Tag eine andere Seite des Buches bestaunen kann. Das reichverzierte Buch ist aber nicht die einzige Sehenswürdigkeit, die man dort findet. Die älteste Harfe Irlands ist hier ausgestellt. Auch der Long Room ist erwähnenswert: ein 65 Meter langer Raum, links und rechts hohe Bücherregale und in diesen werden die ältesten und wertvollsten Bücher aufbewahrt.

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Auf dem Streifzug über das Collegegelände folgt ein Besuch bei den bunten Türen von Dublin. Diese farbenfrohe Portale findet man in den georgianischen Vierteln der Stadt. Der britische Adel lebte auf dem Land, doch die wichtigen politischen Entscheidungen wurden in der Stadt getroffen. Deswegen wurde ein Zweitwohnsitz in der Stadt, im Falle Irlands in Dublin, benötigt. So entstanden die von aussen recht schlichte, mehrstöckige Gebäude. Bis auf einige kleine Details gleichen sie sich alle. Diese kleinen Details befinden sich am Eingangsbereich. In der Regel führt eine kleine Treppe zur Tür, links und rechts mit einem Eisengelände flankiert. Die Tür selber ist farbig lackiert, verfügt über ein Oberlicht und ist mit einem oft kunstvoll herausgearbeiteten Türklopfer versehen. Solche, gar noch prunkvollere Häuser, gab es auch in London. Doch hatte Dublin das „Glück“ gegen 1800 politisch unbedeutend zu werden. Deswegen wurden die Häuser verkauft oder weitervermietet und unterlagen nicht dem Zwang, Opfer von Modernisierungsmassnahmen zu werden. So blieb der typisch georgianische Baustil in der Hauptstadt Irlands erhalten. Als die Irische Republik gegründet wurde, gab es Überlegungen diese Häuser abzureissen, um die Erinnerung an die britische Besatzung auszumerzen. Zum Glück wurde dieser Plan nicht verwirklicht. Dublin wäre um eine Sehenswürdigkeit ärmer.

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Im nahen Archbishop Ryan Park gönne ich mir zur Mittagszeit eine kleine Pause, esse dort einen Schokoriegel und trinke aus einer Dose Cola. Dabei sehe ich einigen Kindern beim Fußballspielen zu. Einer der Jungs trägt ein Bayerntrikot mit der Nummer Sieben. Als die Jungs ihr Spiel beenden, erhebe auch ich mich von meiner Bank und setzte meinen Weg fort. Ich bin nicht ohne Hintergedanken in den Park gegangen. Ich wollte mich mit jemandem dort treffen. Mit einem bedeutenden irischen Schriftsteller. Ich wollte mich dort mit Oscar Wilde treffen. Ihm zu Ehren wurde eine Statue im Park errichtet. Ich durchstreife mehrmals die Grünanlage, doch konnte ich das Denkmal nirgends finden. Später am Tag werde ich mit dem Doppeldeckerbus am Park vorbeifahren. Vom Oberdeck aus sehe ich Oscar Wilde. Mehrmals bin ich an dieser Stelle vorbeigelaufen, ohne ihn zu entdecken. Das erinnerte mich daran, wie mein Bruder und ich auf der Suche nach Molly Malone waren. Doch diese konnte sich nicht so gut vor uns verbergen, wie Oscar Wilde. Er hatte wohl einfach keine Lust dazu, mich zu sehen…

Es ist angenehm mit dem Bus die Rundfahrt zu wiederholen. Ich habe einen guten Platz auf dem offenen Oberdeck, geniesse die Sonne und erhole mich von meinem vormittäglichen Spaziergang. Ich bleibe die ganze Zeit über an Bord. Auch als der Bus seine Runde beendet, verlasse ich ihn nicht, sondern warte den Fahrerwechsel ab und begebe mich auf eine erneute Rundfahrt. Diesmal aber nur bis zum Phoenix Park. Die Grünanlage im Westen der Stadt ist einer der größten Parks auf der Welt. Neben dem Dublin Zoo und zahlreichen Sportanlagen lebt hier ein Rudel Hirsche, die sich frei auf dem Gelände bewegen. An die Parkbesucher haben sich die Tiere gewöhnt und lassen sich kaum von ihnen stören. Man kann ihnen sehr nahe kommen. Als ich mich ihnen nähere, steht gerade ein Mann vor ihnen, der aussieht, wie ein typisch britischer Dartspieler. Übergewichtig, kahlköpfig und auf seinen Armen ist ein ganzes Bilderbuch eintätowiert. Eine winzige Digitalkamera verschwindet fast in seinen mächtigen Pranken. In einem kaum verständlichen Englisch schwärmt er mir vor, wie toll es sei, so nahe an die Tiere heranzukommen und tolle Fotos von ihnen machen zu können. Er scheint öfters hierher zu kommen. Die Hirsche sind aber nicht die einzigen Bewohner des Parks. Im Weißen Haus residiert das irische Staatsoberhaut. Sein Nachbar ist der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika. Doch das sind die einzigen menschlichen Anwohner. Das Gelände der grünen Lunge Dublins wird auch für Open Air-Konzerte genutzt. Ein großes weißes Kreuz, das auf einem Hügel steht, erinnert an den Besuch von Papst Johannes Paul II, der hier vor 1,2 Millionen Menschen seine Messe vorlas. Ich nehme einen der letzten Rundfahrtbusse, um wieder zurück in die Stadt zu kommen.

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Abends stürze ich mich wieder in das Nachtleben von Dublin. Vorher gehe ich noch in einem Pub in Temple Bar zum Abendessen. Die irische Küche ist wesentlich besser als ihr Ruf. Es gibt nicht nur Fish and Chips, sondern auch McDonalds und Burger King… Nein, so schlimm ist es wirklich nicht! Es gibt viele Fleischgerichte, hauptsächlich Rind- oder Lammfleisch. Beliebt ist auch der irische Lachs, der sowohl pochiert, als auch gegrillt oder geräuchert serviert wird. Als zeitloser Klassiker ist das Irish Stew, ein Gemüseeintopf, bekannt. Inzwischen hat aber auch die internationale Küche, vor allem die italienische, sich in Irland ausgebreitet. Es gibt kaum eine Speisekarte, auf der man keine Nudelgerichte entdeckt. Etwas gewöhnungsbedürftigt sind allerdings die Beilagen. Zu fast jeder Speise, auch zur Pasta, werden frittierte Kartoffelstäbchen serviert. In einigen Restaurants bekommt man aber auch alternativ einen Salat dazu angeboten. Die Bewusst-Gesund-Ernähren-Bewegung macht auch vor Irland keinen Halt.

Nach dem Essen ist wieder Live-Musik angesagt. Diesmal in einem anderen Lokal. Die Musik ist gut, aber die Getränkezufuhr klappt nicht so toll. Neben mir steht am Tresen ein junges Pärchen. Da wir alle drei das Problem mit der Getränkezufuhr haben, meint die Frau zu mir: ein Pub, in dem man nichts zu trinken bekommt, ist kein gutes Pub. Ich stimme ihr zu und verlasse das Lokal. Sie ging mit ihren Begleiter kurz vorher. Ich schaue noch in einige andere Pubs rein, aber alle sind hoffnungslos überfüllt. Schließlich landete ich wieder bei dem, in dem ich am vergangenen Abend war. Dieser ist wieder gut besucht. Doch ich kann trotzdem noch ein Plätzchen für mich finden. An diesem Abend spielt eine andere Band, die bei weitem das Publikum nicht so mitreissen kann, wie die am Vorabend. Die mangelnde Stimmung und das Desinteresse scheint dem Sänger sehr zu stören. Er hält sich mit seinem Unmut darüber nicht zurück. Aber auch das interessiert niemanden. Da keine richtige Stimmung aufkommen will, verlasse ich das Pub wieder. Ich wandere noch etwas durch die Gassen von Temple Bar, lauschen einigen Straßenmusikern, überquere dann, ohne den Wegzoll zu löhnen, die Halfapenny Bridge und gehe zurück in mein Hotel.

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