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Dublin 2 von 4

Als ich in Dublin ankomme, ist es schon spät in der Nacht und es regnet in Strömen. Mein Hotel erweist sich von aussen als ein unscheinbares georgianisches Gebäude, dem man kaum ansieht, dass es als Herberge dient, wäre neben der Eingangstür nicht ein großes Schild, das darauf hinweist. Die blaue Tür vor mir ist verschlossen. Also betätige ich den unbeschrifteten Klingelknopf. Aus der Gegensprechanlage fragt mich eine Stimme nach meiner Zimmernummer. In was für einer Gegend bin ich da nur gelandet, dass solche Massnahmen vonnöten sind? Mir wird die Tür aufgeschlossen und ich kann zur Rezeption vor, um die Anmeldeformularitäten zu erledigen. Enge, verwinkelte Gänge führen mich in den hintersten Winkel des Hauses zu meinem Zimmer. Durch die Tür komme ich nur mit Not mit meinem Koffer. Auch mein Zimmer erweist sich nicht gerade als groß. Die Einrichtung, ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch mit Stuhl und Fernseher, läßt nicht mehr viel Platz. Im angrenzenden Bad ist ebenfalls nicht viel Raum zum Bewegen. Aber was will man erwarten, wenn man günstig nahe am Stadtzentrum, übernachten will? Erst später merke ich, dass mein Zimmer über kein Fenster verfügt. Ich komme mir wie in einem Kerker vor. Am nächsten Tag fällt mir auf, dass mein Zimmer doch durch natürliches Licht erhellt wird. An der Decke befindet sich ein langer schräger Schacht. Diesen hielt ich erst für die Lüftung. Dem ist nicht so. Am Ende des Schachts ist ein Fenster. Dieses Oberlicht verstärkt den Kerker-Eindruck noch. Ich erinnere mich an die Nürnberger Lochgefängnisse. Fehlen nur noch die Bratwürste, die durch das Schlüsselloch gereicht werden…

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Am nächsten Morgen geht es auf Erkundungstour. Als beste Möglichkeit die Stadt zu erkunden, erweist sich die Fahrt mit dem „Hop on Hop off“ – Bus. Man löst ein Ticket und kann dafür zwei Tage lang mit dem Bus durch die Stadt fahren. Der Bus fährt an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbei, jederzeit kann man an den wichtigen Orten aus- und zusteigen und ganz nebenbei erzählt einem der Fahrer noch etwas über die Geschichte der Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten. Es lohnt sich, die Strecke öfters zu fahren und auch öfters mal umzusteigen. Denn jeder Busfahrer erzählt etwas anderes und rückt andere Aspekte in den Vordergrund. Unterhaltsam ist es auf jedem Fall.
An meinem ersten Tag in Dublin werde ich vom Wetter nicht gerade verwöhnt. Es scheint so, als würde es sich an mir rächen wollen. Hatten mein Bruder und ich während unserer ersten Reise tolles Wetter gehabt, konnte ich mir im Nachhinein nicht verkneifen, immer wieder auf das Vorurteil des ständigen irischen Regens hinzuweisen. Nun sollte ich diesen wohl auch erleben. Wegen des schlechten Wetters verlasse ich den Bus an meinem ersten Tag nur zwei Mal. Als erstes besuchte ich die St. Patrick Cathedral. Eigentlich ist das keine richtige Kathedrale, denn als Kathedrale zählt nur eine Kirche, in der das Pult (cathedra) des Bischofs steht. Das sucht man hier aber vergebens. Diese Kirche hatte niemals einen Bischof. Sie wurde aber Irlands Nationalheiligen, dem heiligen Patrick gewidmet, und bekam deswegen den Status einer „Nationalkathedrale“ verliehen. Auffällig sind in der Kirche die alten kunstvoll verzierten Grabmäler einflußreicher Dubliner Familien. Im Vergleich dazu eher einfach ist dagegen die letzte Ruhestätte eines Mitarbeiters dieser Kirche und berühmten Schriftstellers: Jonathan Swift fand hier seine letzte Ruhe. Sehr beeindruckt mich der Teil der Kirche, in dem sich früher der Orden des heiligen Sankt Patrick versammelte. Die Banner der Ordensmitglieder hängen an der Wand und auch ihre Helme sind zu sehen.

Die berühmteste Sehenswürdigkeit Dublins, wenn nicht sogar Irlands, ist die Guinness-Brauerei. Jenes dunkle Bier mit der weißen Schaumkrone, dem nicht nur ich sehr zugetan bin. Spricht man von Irland, so fällt den meisten Leuten nach blökenden Schafen diese Biermarke ein. Auch an dieser Brauerei hält der Bus. Ich steige allerdings nicht aus. Ich hatte die Brauerei bereits mit meinem Bruder besichtigt. Es war nichts Besonderes. In die Brauerei kam man nicht rein. Stattdessen wird man durch eine Ausstellung geführt, die die Geschichte der Firma Guinness zeigte und auch erklärt, wie Bier gebraut wird. Der Höhepunkt der Führung war das Glas Guinness, das man danach umsonst trinken kann. Beeindruckender als der Museumsbesuch ist aber die Tatsache, dass fast der komplette Stadtteil, in dem die Brauerei stand, dem Brauereibesitzer Arthur Guinness gehörte. Dort waren seine Mitarbeiter untergebracht und er kümmerte sich auch um sie und ihre Familien. So konnte einem wohl nichts bessere passieren, als bei der Firma Guinness angestellt zu sein.

Der zweite Stopp, bei dem ich den Bus verlasse, ist das Kilmainham Gaol. Das Gefängnis hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. 1795 wurde es errichtet und war bald ein beliebtes Ausflugziel für die arme Bevölkerung der irischen Hauptstadt. Wurde man dort eingeliefert, bekam man immerhin ein Bad, eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht. Verbrechen lohnte sich. Anfangs wurden die Häftlinge noch in einer großen gemeinsamen Zelle gehalten. Doch dies erwies sich als sehr ungünstig, kam es doch oft zu Streitereien und Raufereien zwischen den Gefangenen. Um dies zu vermeiden, wurden kleine Zellen gebaut und die Einzelhaft eingeführt, was den Raum einschränkte. Später verwahrte man keine gewöhnlichen Gauner hier auf, sondern politische Gefangene. Die Anführer des Osteraufstandes wurden hier ebenfalls gefangen gehalten und exekutiert. Alle, bis auf einen: Eamon De Valera. Da dieser die amerikanische Staatsbürgerschaft besass, trauten sich die Engländer nicht, ihn hinzurichten und ließen ihn wieder frei. De Valera sollte später der erste Regierungschef der Republic Of Ireland werden. Nach seiner Freilassung wurde das Kilmainham Gaol geschlossen und dient heute als Gedenkstätte für die Opfer des Osteraufstandes. Auch als Kulisse für Filme und Musikvideos hat sich das ehemalige Gefängnis bewährt.

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Es liegt am nassen Wetter, dass ich am ersten Tag nicht an mehr Orten ausgestiegen bin. Anfangs sitze ich oben auf dem offenen Deck. Doch dann empfinde ich die auf mich niederprasselnden Regentropfen doch als zu unangenehm, dass ich mir einen Platz im Inneren des Busses suche. Ich habe Glück und bekomme noch einen Fensterplatz. Das Wetter motiviert mich nicht dazu, den Bus zu verlassen, so drehe ich zwei oder drei ganze Runden mit ihm. An den Endhaltestellen wechseln die Fahrer, was auch für einen anderen Kommentator sorgt. Zwischendurch nicke ich immer wieder mal kurz ein. Durch meinen Arbeitsalltag als Pendler bin ich es gewohnt, im Bus zu schlafen. In einer meiner Wachphasen steigt eine junge blonde Russin zu. Sie setzt sich neben mich. Ich erkannte sie wieder. Ich hatte sie am Vortag schon einmal gesehen. Am Flughafen in Paris stand sie am Check-in-Schalter vor mir. Daher wusste ich auch, dass sie aus Russland war. Sie hatte eine große Schar Kinder dabei, die ständig Blödsinn machten. Heute hat sie sich derer wohl entledigt und erforscht die Stadt alleine. Sie scheint ebenfalls noch sehr müde von der Anreise zu sein. Es dauert nicht lange und sie schläft ein. Dabei legt sie ihren Kopf auf meine Schulter. Es stört mich nicht weiter, doch ich war gespannt, was passieren würde, wenn sie wieder aufwacht. Ich überlege mir, was ich ihr dann sagen sollte. Doch dazu komme ich nicht. Sie schreckt kurz auf, entschuldigt sich bei mir mit einem Sorry und bevor ich meinen mir zu recht gelegten Satz überhaupt erst anfangen kann, hat sie schon gesehen, dass die beiden Plätze vor uns leer sind. Ihre Hand greift nach der metallenen Haltestange und sie dreht sich schwungvoll auf die leeren Sitze. Kurze Zeit später ist sie wieder eingeschlafen. Ihr blondes Haupt lehnt nun an der kalten Fensterscheibe. Ein schlechter Tausch gegenüber meiner weichen, warmen Schulter. Ob sie das auch so sieht?
Als ich genug Bus gefahren bin, kehre ich ins Hotel zurück. Ich verbringe etwas Zeit in meinem kleinen Kerker. Dieser ist nun aber nicht mehr so bedrückend, wie ich ihn anfangs erst empfand. Dadurch, dass die Zimmerdecke weiss gestrichen ist, wird das Licht, das durch den Schacht fällt, stark reflektiert und es ist ganz angenehm in dem Raum. Nachdem ich mich genug ausgeruht hatte, stürze ich mich in das Nachtleben von Dublin.

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Dieses findet in dem Bereich Temple Bar statt. Dieser Bezirk heißt nicht etwa aus religiösen Gründen so, sondern weil die Familie Temple hier ihren Wohnsitz hatte. Im Laufe der Zeit wuchs die Zahl der Pubs enorm an und Temple Bar wurde zur beliebten Anlaufstelle für junge feierlustige Leute und Touristen. In den meisten der Pubs wird nachts irische Livemusik geboten. Ich beginne den Abend mit einem Essen im Hard Rock Cafe, wo ich mein Hard Rock-Lieblingsgericht bestellte: die berühmte Chicken and Ribs Combo. Ein Essen, wofür man kein Besteck braucht. Außer vielleicht für die Pommes. Danach will ich etwas Livemusik hören. Das ist nicht so einfach. Es gibt zwar sehr viele Pubs, in denen Musiker auftreten, doch, obwohl es noch nicht einmal so spät am Abend ist, sind diese schon überfüllt und es ist schwierig, dort einen angenehmen Platz oder ein Getränk zu ergattern. Ich wechsele häufiger die Lokalitäten, bis ich eine finde, in der ich einen guten Platz nahe am Tresen habe, und dadurch auch die Getränkezufuhr gewährleistet ist. Die Band, die traditionelle irische Lieder spielt, ist auch gut. Das Publikum geht sehr bei ihren Darbietungen mit. Es war ein schöner Abend.

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