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Dublin 1 von 4

Als ich zum ersten Mal in Irland war, war ich zuerst schockiert und auch enttäuscht. Gemeinsam mit meinem Bruder war ich nach Irland gereist. Dublin entsprach so gar nicht meinem Bild von Irland. In meinem Irland regnete es pausenlos. Wegen des nie enden wollenden Regens gab es viele grüne Hügel. Über diese Hügel führten Straßen, die von Schafen vollgestopft waren. Das echte Irland sah anders aus. Die Straßen in Dublin waren zwar auch vollgestopft, aber nicht von Schafen, sondern von Menschen. Auf der Hauptstraße Dublins, der O’Connell Street, fühlte ich mich wie auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt an einem Wochenende. Ein dichtes Gedränge und Geschiebe. Schwierig, die andere Straßenseite zu erreichen. Die Straßen führten nicht auf grüne Hügel, sondern an graue – größtenteils aber auch an recht ansehliche – Häusern vorbei. Manche von denen hatten sogar noch Einschußlöcher im Mauerwerk, die angeblich aus der Zeit der irischen Befreiungskämpfe stammen. Was das Wetter betrifft, so entsprach es auch nicht meinen Erwartungen. In den zwei Wochen, in denen wir auf der Grünen Insel unterwegs waren, regnete es nur einmal ganz leicht an einem Vormittag. Ansonsten schien die gesamte Zeit über die Sonne. Obwohl man behauptet, dass es in Irland nur zwei schöne Tage im Jahr gäbe. Der eine Tag ist Weihnachten, der andere Tag wäre der Sommer.

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Auch wenn sich dies nun alles furchtbar negativ anhört, so war Dublin nicht schlimm. Es entsprach aber nicht meinem Bild von Irland. Trotzdem hatte die Stadt auch ihre schönen Seiten. Freundliche, nette Einwohner – sieht man mal von dem vorlauten etwa vierjährigen Mädchen ab, dem wir in einem Restaurant einer Fast Food-Kette begegneten. Als sie mit ihrem Vater und den noch jüngeren Bruder das Restaurant verließ, schmiss sie im Vorbeigehen und den Worten „This is for you, guys!“ ihr vollgerotztes Papiertaschentuch auf unserem Tisch zwischen unseren Pizzaschachteln. Erst sahen sich mein Bruder und ich uns perplex an, dann mussten wir darüber lachen.

Ein Blickfang auf Dublins Straßen waren die menschlichen Wegweiser. Meist ältere Herren oder junge Schüler, die sich nebenbei ihre Rente oder ihr Taschengeld aufbessern wollten, standen mit einem Wegweiser in der Hand oder mit einer großen Tafel um den Hals hängend da. Sie machten Werbung für ein Geschäft in der Nähe und zeigten mit ihrer Tafel oder den Wegweiser an, in welcher Richtung sich dieser Laden befand. Nur kann man unmöglich den ganzen Tag über ruhig an einem Fleck stehen. So passiert es, dass man sich hin und wieder einmal bewegt, ein paar Schritte geht, sich dreht, sich mit einem Bekannten auf der Straße unterhält. Plötzlich zeigt der Pfeil in die falsche Richtung. Womöglich noch zu einem Konkurrenzgeschäft. Unvorstellbar!

Einen solchen Wegweiser hätten wir gebraucht, als wir uns auf der Suche nach Molly Malone begaben. Misses Malone ist die Titelfigur eines Dubliners Volksliedes. In diesem Lied geht es um eine Fischhändlerin, die in jungen Jahren an einem nicht näher benannten Fieber stirbt. Doch nach ihren Ableben spukt ihr Geist weiterhin durch die Straßen der irischen Hauptstadt und bietet ihre Ware feil. Am Tag und in der Nacht. Je nach Tageszeit ändert sich die Ware. Das Lied ist die inoffizielle Hymne Dublins. Jener Molly Malone wurde ein Denkmal in der Innenstadt errichtet. Wir liefen fünf oder sechs Mal an ihr vorbei, bis wir die Statue endlich fanden. Es wäre sicher einfacher gewesen, sie zu finden, hätte sie, wie im Lied, ihre Ware angepriesen: Cockles and mussels alive a-live O!

Wir übernachteten in einem Bed-&-Breakfast-Hotel in einem Außenbezirk von Dublin. Das Zimmer bekamen wir am Flughafen von der Touristeninformation vermittelt. Auch wenn es etwas entfernt vom Stadtzentrum lag, konnten wir es bequem von der Innenstadt aus mit dem Bus erreichen. In die andere Richtung war die Verbindung natürlich auch recht gut. Wir waren so sehr mit der Unterkunft zufrieden, dass wir sie für die Rückreise erneut buchten. Hatten wir bei unserem ersten Aufenthalt nur ein Zimmer mit Doppelbett, so bekamen wir beim zweiten Besuch sogar ein kleines Apartment im Kellergeschoss zur Verfügung gestellt. Mit einem riesigen Bad, das ich morgens beim Duschen regelmäßig unter Wasser setzte. Irgendwie wollte mir nicht einleuchten, dass der Duschvorhang nicht aus dem Becken heraushängen sollte. Das brachte mir eine gehörige Standpauke meines Bruders ein, der nach mir das Bad nutzte. Morgens ließ er mir beim Waschen den Vortritt. Er konnte dadurch noch etwas länger im Bett liegen bleiben. Die Rechte des Älteren. Dafür durfte er aber auch ins überschwemmte Bad.

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Dreizehn Jahre später kehrte ich nach Irland zurück. Das Land hatte sich in der Zwischenzeit verändert. War Irland bei meinem ersten Besuch noch das Armenhaus Europas, hatte es nun einen wirtschaftlichen Höhenflug erlebt. Der Keltische Tiger erhob sich. Ausländische Firmen, hauptsächlich aus den USA, investierten in das Land, bauten dort ein europäisches Silicon Valley auf. Die einst so hohe Arbeitslosenquote sank. Iren, die ins Ausland gezogen sind, um dort Arbeit zu finden, kehrten zurück, um in ihrer Heimat Geld zu verdienen. Dazu kamen viele Einwanderer aus den Ostblockländern und aus Spanien. Das Auswandererland wurde zum Einwandererland. Doch durch die niedrigen Steuersätze floss nicht viel Geld ins Land, sondern mehr ins Ausland zu den Investoren. Dies und der Zusammenbruch der lange Zeit florierenden Immobilienwirtschaft liess den Keltischen Tiger wieder zusammensinken. Irland war wieder dabei sich zurück zu entwickeln zu einem der inzwischen zahlreichen Armenhäuser in Europa. Gerade durch diesen Bauboom hatte sich Dublin verändert. Manche neue Gebäude waren entstanden, bei anderen wurde der Bau unter- bzw. abgebrochen. Ich war gespannt auf das neue Dublin.

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